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Diese Nachricht auf der Seite des DSV hat uns alle berührt und
zugleich in uns gehen lassen. Unsere Lotte, so haben wir ihn auf der Stube
64 genannt, ist nicht mehr.

Lothar Lottes - erfolgreicher Skispringer -
verstorben
Klaus Purucker am 29.01.2003 - 14:29 Uhr
Lothar Lottes aus Kulmbach, einer der
erfolgreichsten Skispringer in Reihen des Ski-Clubs Bischofsgrün, verstarb am
vergangenen Sonntag mit 59 Jahren plötzlich und unerwartet während seiner
Lieblingsbeschäftigung - dem Skilauf. Zusammen mit früheren Sportkameraden war
er beim Skitesten in der Loipe von Filzmoos / Österreich unterwegs.
Als Lot´l oder Knitt´l bekannt, dominierte er
in den 60er Jahren auf vielen Schanzen Deutschlands und auf den Fußballplätzen
der Region. Von frühester Jugend an war der gelernte Friseur als Skispringer im
Ski-Club Bischofsgrün aktiv.
In den sechziger Jahren ging er dann zum
Bundesgrenzschutz, um schon damals das Skispringen unter professionellen
Bedingungen ausüben zu können. Der zweite Platz bei der deutschen
Juniorenmeisterschaft 1964 und der Bayerischer Meistertitel 1968 im
Spezialspringen sind nur einige wenige seiner sportlichen Erfolge. Mehrere fränkische
Meistertitel im Skisprung und zahlreiche Spitzenplatzierungen bei
internationalen Skispringen kamen hinzu. Er war immer eines der größten
Talente des damaligen Nationaltrainers Ewald Roscher. An zahlreichen Lehrgangsmaßnahmen
nahm er teil, war immer auf dem Sprung an die Spitze der Nationalmannschaft,
doch einer seiner großen Träume, wie die etwa die Teilnahme an Olympia, war
ihm nicht vergönnt. Vielleicht lag´s an seinem zweiten Lieblingssport, dem Fußball,
den er nie aufgeben mochte. Wenn er in den Wintermonaten der 60-er Jahre mit
seinen Springerkollegen in der Mannschaft des TSV Bischofsgrün fehlte, musste
regelmäßig mit dem Abrutschen des TSV in der Tabelle gerechnet werden. Die fußballerische
Karriere ließ er dann in seiner zweiten Heimat, beim TSV 08 Kulmbach bis in die
Altherrenmannschaft hinauf ausklingen.
Bis zuletzt zuletzt war er regelmäßig auf dem
Radl und in der Langlaufloipe unterwegs. In Kulmbach war er anschließend an
seine BGS-Zeit in den letzten drei Jahrzehnten als Postbeamter tätig. Er
heiratete, bekam zwei Kinder und wurde stolzer Großvater.
In seiner neuen Heimat stand während der
Bierwoche viele Jahrzehnte am Zapfhahn in der Ecke der Sandlerbräu. Dem
Skisprung war er bis zuletzt verbunden. Immer wieder war er als Beobachter bei
Weltcupspringen live dabei und plante den Besuch von kommenden Veranstaltungen.
Beim Umbau der Ochsenkopfschanze in Bischofsgrün wirkte er in den vergangenen
Monaten tatkräftig mit und freute sich auf deren Eröffnung.
Bis zuletzt waren darüber hinaus seine immer
vorhandene Lebensfreude, der lustige und offene Umgang, seine Zuverlässigkeit
und seine Ruhe die Gaben, die nicht nur seinen Ski- und Fußballfreunden in
Erinnerung bleiben werden.
Aus der Sicht des ehemaligen Kameraden
Am 01.07.1963 war Stichtag. Nach einer 3-tägigen
Prüfung, die ca. drei Monate vorher in Örlenbach bei Bad Kissingen
stattgefunden hatte, reisten nun die neuen BGS-Beamten
zu ihrem Dienstantritt nach
Hof. Treffpunkt war die Kaserne an der Kulmbacher Straße. Ich wurde von einem Unterführer,
einem Grenzoberjäger mit U-Lehrgang empfangen. Nach einer kurzen Prüfung
meiner Papiere wurde ich eingeladen, ihm zu folgen. "Sie sind auf Stube 64
untergebracht. Ich bringe Sie hin. Unsere Autos parken wir dort unten. Am
besten, Sie lassen Ihr Gepäck hier und parken zunächst Ihr Auto."
Ich kam zurück vom Parkplatz. Der Oberjäger
stellte sich vor. "Mein Name ist
übrigens Jentsch und ich werde dabei sein, wenn wir Sie ausbilden werden." Es
ging zur Stube 64. Dort waren bereits vier der neuen Kameraden eingetroffen.
Einer von ihnen fiel auf wegen seiner Figur. Der muss Bodybuilding betreiben,
dachte ich mir. Was soll's, erst einmal ranpirschen.
Am Abend ging ich mit dem Muskelmann gemeinsam in
die Kantine. Das ergab sich einfach so. Als er seine Halbe zahlte, sah ich in
seinem Geldbeutel, hinter dieser Plastikscheibe, dort wo normalerweise das Bild
der Freundin eingelegt ist, das Bild eines Skispringers. Der streckte in bester
Recknagelmanier die Arme nach vorne und ein Hüftknick war nicht zu sehen.
Ich fragte den neuen Kameraden: "Sag 'ma',
gefällt Dir diese Sportart?" Er schaute mich an und meinte: "Das bin
ich selbst." Für einen Moment wusste ich nicht ob ich veräppelt wurde
oder tatsächlich einen der tollkühnen springenden Männer als Kamerad auf
meiner Stube hatte. Wir tranken gemeinsam unser Bier und er holte noch mehr
Bilder hervor. Dann sagte er unvermittelt: "Wenn Du Dich für das
Skispringen interessierst, dann kannst Du mit mir nach Bischofsgrün kommen. Du
hast doch ein Auto..."

Lothar Lottes als MG-Schütze 2 und mit mir als MG-Schütze 1
Doch zunächst kam erst einmal die Grundausbildung. Wir gingen
am Samstag abend ins Schützenhaus, um Twist und andere Aktivitäten auszuleben.
Lothar fuhr nach Bischofsgrün, um zu "trainieren". Am Sonntag abend
trafen wir uns dann wieder auf Stube 64. Es wurden die Wochenenderlebnisse
ausgetauscht. Dabei tat sich Lotte, so nannten wir ihn inzwischen, besonders
hervor. Mensch, der imponierte, der konnte Geschichten erzählen von
Berlinerinnen. Die prominenteste war eine gewisse Doris Wegener, die dort als
Sängerin einen Auftritt unter ihrem Künstlernamen "Manuela" hatte.
Wieso Berlinerinnen, dachte ich immer? Was machen die in Bischofsgrün?

von links nach rechts: Yogi Bär, Horst, Otto, Jürgen, mein
Konterfei und Lotte
Das Bild mit Gruppenführer "Otto" entstand auf
der abschüssigen Wiese hinter der BGS-Kaserne in Hof. An diesem Tag
hatten wir einmal mehr Formalausbildung. Nach der Disziplin "Grüßen
mit und ohne Kopfbedeckung" kam "Marschieren in der Gruppe"
dran. Lotte bildete den letzten Mann. Er muss einen Befehl falsch
verstanden haben. Er machte "kehrt" statt "links um"
und marschierte als "Einzelkämpfer" davon, denn er wähnte sich als
erster Mann. Otto, der mit Humor ausgestattet war, ließ Lotte bis zum
Zaun am Ende der Wiese marschieren. Dort angekommen hielt Lotte inne, blieb
stehen, drehte sich langsam und zögerlich um, denn einen weiteren Befehl hatte es
ja nicht gegeben. Als er feststellte, dass er alleine auf weiter Flur am
Begrenzungszaun stand, konnte er es nicht fassen. Er wurde von Otto
zurück kommandiert. Sein Gebrabbel - so eine Kombination von Fluchen und
Schimpfen - beim "Rückmarsch" hat Otto überhört.
Dann sind wir das erste Mal nach Bischofsgrün gefahren. Es war
Mattenspringen angesagt. Mit dabei war ein gewisser Henrik Ohlmeyer. Lotte hatte
für jeden einen Spruch auf Lager. Es war an
einem Sonntag und nur einige Zuschauer waren gekommen. Die Schanze und der
Aufsprunghügel waren durch einen Weg getrennt. Alleine das flößte mir schon
größten Respekt ein, denn vom Schanzentisch flogen die Skispringer zunächst
einmal über diesen Weg hinweg...
Ich war mittendrin, bei den deutschen Skispringern und ihrem Trainer
Ewald Roscher. Wir - Lotto und ich - sind gemeinsam noch mehrere Sonntage nach Bischofsgrün
gefahren. Ich erfuhr dann auch, warum der Lothar es immer mit den Berlinerinnen
hatte. Das waren die Feriengäste, denn Bischofsgrün war ja nicht irgend ein
Ort!
Ich lernte einiges über das Skispringen, über die Haltung ohne
Hüftknick, die parallele Skiführung und den Telemarkaufsprung. Und dann musste
an einem Tag die gesamte Hundertschaft antreten. Lotte war bei der deutschen
Jugendmeisterschaft im Skispringen auf den zweiten Platz gesprungen. Das war dem
Hauptmann eine Ansage wert, denn er konnte nochmals auf die Bedeutung
des Sports für die BGS-Beamten hinweisen. Alle sollten sich ein Beispiel an
Lotte nehmen, der die besondere Leistung erbracht hatte. Die Ansprache endete
mit dem Satz: "In meiner Hundertschaft gibt es keinen Beamten ohne
Sportabzeichen."
An einem Sonntag sind wir für die Verhältnisse von Lotte
ziemlich früh losgefahren. Aus meinem NSU Prinz habe ich das letzte
herausgeholt, um rechtzeitig dort zu sein, in Bischofsgrün. Es ging
anschließend mit der Fußballmannschaft nach Glashütten. Wir sind mit
einem Kleinbus hingefahren, der mir völlig untermotorisiert erschien. Wir kamen
jedenfalls kaum von der Stelle. In der ersten Halbzeit des Spiels hatte Lotte
gleich seinen großen Auftritt, so dass der Schiedsrichter ihn aufgrund
lautstarker Beschwerden vom Platz stellen wollte. Alle Aufregung nutze jedoch
nichts. Das Spiel ging 0:0 aus.

Weihnachtsfeier 1963 - obere Reihe links außen - Lothar
Lottes
Die Sonntage mit Lotte waren immer ein Erlebnis, ständig mit Überraschungen
verbunden. Für mich war Lotte ein
prima Kumpel und eine Bereicherung meiner Zeit beim BGS.
Er sorgte auch auf der Stube 64 stets für Stimmung. Seine Art
war rau aber herzlich. Er hielt sich nicht immer an "alle" Regeln eines Buches,
worin der gute Ton beschrieben ist. Aber was soll das auch auf einer Bude mit
Rekruten? Auf Kriegsfuß stand er mit schriftlichen Arbeiten. Rechtskunde für
Polizeibeamten und
auch noch darüber schreiben, das schmeckte ihm überhaupt nicht.
Alle profitierten von seinem erlernten Beruf. Er schnitt nicht
nur die Haare seiner Kameraden, auch bei den Offizieren war er mit Scherkopf und Kamm
aktiv.
Seine Kondition bei Fußmärschen war unübertroffen.
Wenn es sein musste, dann trug nicht nur die eigene Ausrüstung. Er nahm
zusätzlich die Ausrüstung eines Kameraden auf seine breiten Schultern, wenn
dieser gerade nicht so gut drauf war. Er meinte, das brächte Kondition für seinen
Sport und sei nicht so langweilig, wie mit Bleiwesten durch die Gegend zu
laufen. Klar, im Sport war er uns allen überlegen. Da hatte er seine Pluspunkte!
Später habe ich ihn dann noch mehrfach im Fernsehen bei
Übertragungen vom Skispringen gesehen. Dann habe ich mir jedes Mal vorgenommen,
ihn einmal zu besuchen. Als ich vor einiger Zeit auf einer Geschäftsreise von Leipzig über Hof
nach Stuttgart fuhr, habe ich spontan den Entschluss gefasst, in Bischofsgrün zu übernachten.
Am nächsten Morgen habe ich die Besitzerin der Pension gefragt, ob sie einen
Lothar Lottes kenne. Sie kannte ihn, sie konnte mir berichten, dass er nach
Kulmbach verzogen wäre und dort verheiratet gewesen sei. Er sei jedoch vor ca.
drei Monaten in Österreich beim Skifahren verstorben. Genaues hätte sie
allerdings nicht gehört...
Ich hatte
mich zu spät entschlossen, einen meiner besten BGS-Kameraden noch einmal zu
besuchen...
Peter Hubert
im Mai 2003
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