Die Autobahnbrücke bei Rudolphstein, heute die "Brücke der Deutschen Einheit..."

 

1964 gingen dem Wiederaufbau der Autobahnbrücke bei Rudolphstein jede Menge Belehrungen voraus. Was beispielsweise machen, wenn jemand von der "anderen" Seite versucht, den Bretterzaun zu überklettern? Es wurden immer wieder Szenarien dieser Art durchgesprochen. Doch eine klare Anweisung unterblieb. Vielmehr sollte die Situation das Handeln bestimmen und der Grenzjäger durfte sowieso nur auf Befehl etwas machen. Wer zum Wachdienst an die Brücke abkommandiert wurde, der hatte jedes Mall nur einen Wunsch, hoffentlich verläuft alles ohne Zwischenfälle. Denn die politische Lage war wie immer - verwaschen...   

Im Hintergrund - die zerstörte Brücke kurz vor Ihrem Wiederaufbau...

 

Aus einem Informationsblatt für den BGS - Minibilder anklicken zum Vergrößern

 

Im Hindergrund - der Bretterzaun zum Westen oder Osten - ganz danach, wie der Standpunkt war...

Der "schöne" Erich hatte wieder einmal den Mund ziemlich voll genommen, aber die Brücke wurde trotzdem wieder aufgebaut...

...aus der Zeit Nr. 34 am 21.08.1964

Eine Brücke, eine Brücke...

Bautrupps aus der DDR werden Anfang September bei Hirschberg die Saale überqueren, auf der Anhöhe des westdeutschen Ufers Bauhütten errichten und damit beginnen, die Autobahnbrücke Berlin—München, die am Ende des Krieges gesprengt wurde, wiederherzustellen. Allerdings. müssen die mitteldeutschen Arbeiter zuerst auf westdeutschem Boden zwei parallel laufende Sperrgürtel aus Drahtgeflecht aufstellen, damit sich später keiner von ihnen in die westdeutschen Büsche schlagen kann.

Dass die Saalebrücke wieder aufgebaut wird, ist das Ergebnis zäher Verhandlungen, die der Leiter der Treuhandstelle für den Interzonenhandel, Dr. Kurt Leopold, vom Januar 1961 bis zum 14. August 1964 geführt hat. Er musste vornehmlich gegen zwei Schwierigkeiten ankämpfen. Die eine war in der DDR, die andere in der Bundesrepublik beheimatet.

In Ostberlin beschloss das Politbüro der SED vor etwa anderthalb Jahren, künftig keinerlei innerdeutsche Abmachungen mehr, zuzulassen, es sei denn, sie wären von den jeweils kompetenten Behörden der beiden deutschen Staaten abgeschlossen worden. Infolgedessen verlangte der östliche Verhandlungspartner, als es um die Vertragsunterschrift ging, Leopold möge eine Vollmacht des Bundesverkehrsministers vorlegen. Leopold lehnte ab und hatte hinfort für alle Sonderwünsche Behrendts taube Ohren — und zwar ganz ohne Rücksicht auf die Engpässe, die in der DDR-Planwirtschaft immer wieder entstehen. So gelang es ihm im Frühjahr 1964, für diesen besonderen und einzigen Fall einen Beschluss des Politbüros außer Kraft zu setzen und die Bereitschaft der anderen Seite zum Abschluss des Vertrages herbeizuführen, ohne dass Seebohms Vollmacht vorgelegt wurde.

In diese „harmonische" Situation platzten der letzte FDP-Parteitag in Duisburg und die Äußerung des Parteivorsitzenden Erich Mende, man werde den Zeitungsaustausch (ohne staatliche Stellen zu bemühen) sicherlich zustande bringen, da die Behörden der Sowjetzone bei der Saalebrücke auch nachgegeben hätten. Damit war die Verständigung mit Ostberlin über den Vertrag zum Bau der Hirschberger Brücke „den Bach hinunter".

Wie hat nun Leopold die alte Lage wiederhergestellt? Er versichert, dafür „nichts bezahlt" zu haben. Der Wiederaufbau sei. ja schließlich Ende 1960 protokollarisch festgelegt worden. Man wird erst aus der weiteren Entwicklung des Interzonenhandels — daraus also, ob der Swing erhöht wird, ob wir mehr Mineralöle aus Mitteldeutschland beziehen v/erden, kurzum, ob wir neue Konzessionen machen werden — erkennen können, ob Mendes Redseligkeit der Bundesrepublik Kosten verursacht hat oder nicht.